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Der Fremde
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Der Fremde (franz. LâĂtranger) ist ein Roman des französischen Schriftstellers und Philosophen Albert Camus. Er erschien 1942 im Pariser Verlagshaus Gallimard und wurde einer der meistgedruckten französischen Romane des 20. Jahrhunderts. Er gilt als eines der Hauptwerke der Philosophie des Existentialismus und Absurdismus.
Das Magazin Der Spiegel zÀhlt den Roman zu den besten 100 zwischen 1925 und 2025.cite-ref-1[1]
Contents
âą Inhalt
âą Rezeption
âą Kino
âą Literatur
âą Musik
âą Comic
âą PC
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Inhalt
Der Roman erzÀhlt die Geschichte eines introvertierten Mannes namens Meursault. Er hat einen Totschlag begangen und wartet in seiner GefÀngniszelle auf die Hinrichtung. Die Handlung spielt im Algerien der 1930er Jahre.
Der Roman ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil beginnt mit den Worten: âHeute ist Mama gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiĂ es nicht.â Bei der Beerdigung seiner Mutter zeigt Meursault keine Emotionen. Das Fehlen von Anteilnahme beruht offenbar auf einem kĂŒhlen VerhĂ€ltnis, das zwischen Mutter und Sohn herrschte. Der Roman setzt sich mit einer Dokumentation der folgenden Tage von Meursaults Leben aus der Ich-Perspektive fort.
Meursault zeigt sich als Mensch, der antriebslos in den Tag hineinlebt, der zwar Details seiner Umgebung wahrnimmt, jedoch Gewalt und Ungerechtigkeit ungerĂŒhrt hinnimmt. Kurz nach der Beerdigung seiner Mutter beginnt er eine LiebesaffĂ€re, was spĂ€ter als Beweis fĂŒr seine emotionale KĂ€lte angefĂŒhrt wird. Meursault ist offenbar zufrieden, wenn sein Alltag routinemĂ€Ăig und wie gewohnt verlĂ€uft.
Sein Nachbar, Raymond SintĂšs, der der ZuhĂ€lterei verdĂ€chtigt wird, freundet sich mit ihm an. Meursault hilft Raymond, eine junge Frau anzulocken, damit dieser sie bestrafen kann - es bleibt unklar, ob die Frau die ehemalige Geliebte des Nachbars, oder er ihr ZuhĂ€lter ist; Raymond bedrĂ€ngt und demĂŒtigt die Frau. SpĂ€ter begegnen Meursault und Raymond dem Bruder der Frau und dessen Freunden am Strand, es kommt zu einer SchlĂ€gerei bei der Raymond mit dem Messer verletzt wird. Kurz danach trifft Meursault auf einen der Araber, der bei seinem Anblick ein Messer zieht und ihn mit dem Glanz der Sonne auf der Messerklinge blendet; daraufhin tötet ihn Meursault mit einem Schuss aus seiner Pistole. Ohne besonderen Grund gibt er unmittelbar darauf vier weitere SchĂŒsse auf den Leichnam ab, was vor Gericht zum Ausschluss von Notwehr und unbeabsichtigtem Totschlag und letztlich zur Verurteilung Meursaults als Mörder fĂŒhrt. Meursaults mögliche UnzurechnungsfĂ€higkeit nach Stunden in praller Sonne steht im Raum.
Der zweite Teil des Buches behandelt den Prozess. Hier wird der Protagonist erstmals damit konfrontiert, wie er durch sein gleichgĂŒltiges Verhalten auf gottesfĂŒrchtige Menschen wirkt. Den Vorwurf, er sei gottlos, nimmt er kommentarlos hin und verteidigt sich nicht. Sein indolentes Verhalten deutet er selbst als konsequenten Lebensansatz. Meursault wird zum Tod durch die Guillotine verurteilt. Als der GefĂ€ngnisgeistliche in der Todeszelle fĂŒr ihn beten will, wird er wĂŒtend, doch zum Schluss zeigt er sich empfĂ€nglich âfĂŒr die zĂ€rtliche GleichgĂŒltigkeit der Weltâ.
Beziehung zum Gesamtwerk
Der Roman entstand parallel zu Camusâ philosophischer Abhandlung Der Mythos des Sisyphos und entwickelt die darin essayistisch vorgestellte Philosophie des Absurden in literarischer Form. Dabei diente ihm der zwischen 1936 und 1938 niedergeschriebene und erst postum erschienene Roman Der glĂŒckliche Tod gleichsam als Steinbruch. Der Fremde steht zudem in enger thematischer Beziehung zu dem BĂŒhnenstĂŒck Caligula (UrauffĂŒhrung 1945) und zu Die Pest. In diesem 1947 veröffentlichten zweiten Roman Camusâ findet sich folgende Anspielung auf den fĂŒnf Jahre Ă€lteren LâĂtranger:
« Grand avait mĂȘme assistĂ© Ă une scĂšne curieuse chez la marchande de tabac. Au milieu dâune conversation animĂ©e, celle-ci parlait dâune arrestation rĂ©cente qui avait fait du bruit Ă Alger. Il sâagissait dâun jeune employĂ© de commerce qui avait tuĂ© un Arabe sur une plage. â Si lâon mettait toute cette racaille en prison, avait dit la marchande, les honnĂȘtes gens pourraient respirer. Mais elle avait dĂ» sâinterrompre devant lâagitation subite de Cottard qui sâĂ©tait jetĂ© hors de la boutique, sans un mot dâexcuse. »
âGrand war sogar Zeuge einer seltsamen Szene im Tabakladen geworden. Inmitten einer lebhaften Unterhaltung sprach die Ladenbesitzerin von einer Verhaftung aus jĂŒngster Zeit, die in Algier fĂŒr Aufsehen gesorgt hatte. Es handelte sich um einen jungen Handelsangestellten, der einen Araber am Strand getötet hatte. âWenn man dieses ganze Gesindel ins GefĂ€ngnis stecken wĂŒrdeâ, hatte die HĂ€ndlerin gesagt, âkönnten die anstĂ€ndigen Leute aufatmen.â Aber angesichts der plötzlichen Aufregung Cottards, der ohne ein Wort der Entschuldigung aus dem Laden stĂŒrzte, konnte sie nicht zu Ende reden.â
â
Albert Camus
:
La Peste
, Folio Gallimard (56â57)
Rezeption
Die Romane mehrerer algerischer Autoren lassen sich als Antwort auf den Mord an dem Araber in LâĂtranger lesen; in ihren Romanen werden weiĂe Siedler von Arabern getötet. Christiane Chaulet-Achour spricht in diesem Zusammenhang von ârenversementâ.cite-ref-2[2] Die Romane sind: Emmanuel RoblĂšs, Les Hauteurs de la ville (1946), Mouloud Feraoun, La Terre et le sang (1953), Mouloud Mammeri, Le Sommeil du Juste (1955), Kateb Yacine, Nedjma (1956), Jean PĂ©lĂ©gri, Le Maboul (1963). In viel gröĂerem zeitlichen Abstand veröffentlichte Kamel Daoud im Jahre 2013 den Roman Meursault, contre-enquĂȘte als âhommage en forme de contrepointâ (âWĂŒrdigung in Form eines Kontrapunktsâ).cite-ref-3[3]
Der Fremde wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 BĂŒcher und die 100 BĂŒcher des Jahrhunderts von Le Monde aufgenommen.
Der Schriftsteller Albert Wendt aus Samoa entdeckte im Alter von 18 Jahren den Roman The Outsider (so der Titel der britischen Ăbersetzung von LâĂtranger) fĂŒr sich und war begeistert.cite-ref-4[4]
Der US-amerikanische Comicautor Steve Gerber, der Der Fremde im College gelesen und als wahre Offenbarung ĂŒber das eigene Leben empfunden hatte, bezeichnete den Roman als den wichtigsten Einfluss auf die Comicserie Howard the Duck und die Figur des titelgebenden Erpels, den er und der Zeichner Val Mayerik 1973 gemeinsam erfanden (s. den 1986 erschienenen Film Howard â Ein tierischer Held, der lose auf der Comicserie basiert).cite-ref-5[5]
Im Roman Ce quâils disent ou rien von Annie Ernaux entdeckt die jugendliche Protagonistin den Roman LâĂtranger wĂ€hrend der Ferien und âverschlingtâ ihn.cite-ref-6[6]
Im Erstlingsroman der erst 16-jĂ€hrigen Autorin Anne-Sophie Brasme mit dem Titel Respire (deutsche Ăbersetzung: Dich schlafen sehen) entdeckt die Protagonistin Camusâ Roman in einem BuchgeschĂ€ft und identifiziert sich mit Meursault.cite-ref-7[7]
Der deutsche Schriftsteller Uwe Timm veröffentlichte eine ErzĂ€hlung mit dem Titel Der Freund und der Fremde, worin er u. a. schildert, wie er als SchĂŒler mit Benno Ohnesorg ĂŒber Camusâ Roman diskutierte.cite-ref-8[8]
Sam Shuster von der UniversitĂ€t Newcastle vertritt die These, dass die BeeintrĂ€chtigung der sozialen Beziehungen und der Interaktion Meursaults dem Asperger-Autismus entsprechen. Camus habe Meursault seinem engen Freund Galindo nachempfunden, der ebenfalls die fĂŒr das Asperger-Syndrom charakteristischen BeeintrĂ€chtigungen gezeigt habe. Medizinisch wurde das Asperger-Syndrom jedoch erst nach Erscheinen des Buches âDer Fremdeâ als Diagnose beschrieben und definiert, erstmals 1943 durch den österreichischen Kinderarzt Hans Asperger.cite-ref-9[9]
Adaptionen und Rezeptionen
Kino
âą 1967: Der Fremde wurde von Luchino Visconti mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt.
âą 2001: Yazgi (Bestimmung) ist eine wortgetreue Verfilmung von Zeiki Demirkubuz
âą 2003: State of Mind ist eine lose Verfilmung des Romans
Literatur
âą Der Protagonist Meursault spielt eine Rolle in T. C. Boyles Roman Worldâs End, in dem sich eine der Hauptpersonen stets auf ihn bezieht und sich mit ihm vergleicht.
Musik
⹠Die britische Band The Cure verarbeitete die Handlung von Der Fremde in ihrer ersten Veröffentlichung Killing an Arab (1978).
âą Die amerikanische Band Tuxedomoon verarbeitete die Handlung von Der Fremde in ihrem Lied LâEtranger.
âą Der Text des Lieds Algeria der irischen Band JJ72 basiert auf Der Fremde.
âą Die britische Komponistin Susan Oswell schrieb als Auftragswerk eine Sinfonie ChorĂ©ografic â Der Fremde nach Motiven des Romans, die am 16. Oktober 2015 am Theater Trier (Choreografie: Rosamund Gilmore) uraufgefĂŒhrt wurde.
Comic
âą Aus Anlass von Camusâ 100. Geburtstag wurde Der Fremde auch als Graphic Novel veröffentlicht: Jacques Ferrandez, Der Fremde â Die Graphic Novel â nach dem Roman von Albert Camus â auf der Grundlage der Ăbersetzung von Uli AumĂŒller, Verlagshaus Jacoby Stuart 2013 (französische Originalausgabe bei Gallimard), ISBN 978-3-942787-21-5.
PC
⹠Im koreanischen RPG-Spiel Limbus Company, entwickelt von Project Moon, ist Meursault einer der zwölf spielbaren Charaktere und basiert auf der gleichnamigen Figur des Romans Der Fremde von Albert Camus.
Siehe auch
Literatur
PrimÀr
âą LâĂtranger, Librairie Ăditions Gallimard, Paris 1942.
âą Albert Camus: Der Fremde. Ăbers. von Georg Goyert und Hans Georg Brenner. Karl Rauch, DĂŒsseldorf 1948.
âą Ăbers. von Uli AumĂŒller, Sonderausgabe. Rowohlt, Reinbek 2010, ISBN 978-3-499-25308-9.
âą Jacques Ferrandez: Der Fremde â Die Graphic Novel. Verlagshaus Jacoby & Stuart GmbH, Berlin 2014, ISBN 978-3-942787-21-5.
SekundÀr
âą Emmy Greuter: Die Fremdheit im Werk von Albert Camus (= Diss. phil. UniversitĂ€t ZĂŒrich 1963).
âą Brian T. Fitch: Le sentiment dâĂ©trangetĂ© chez AndrĂ© Malraux, Sartre, Camus et Simone de Beauvoir. Paris 1964. (BibliothĂšque des Lettres Modernes, 5)
⹠William Wolfgang Holdheim: Der Justizirrtum als literarische Problematik. Vergleichende Analyse eines erzÀhlerischen Themas. de Gruyter, Berlin 1969
âą Peter V. Zima: Der gleichgĂŒltige Held. Textsoziologische Untersuchungen zu Sartre, Alberto Moravia und Camus. J. B. Metzler, Stuttgart 1983. 2., verb. Aufl. Trier 2004. (Literatur, Imagination, RealitĂ€t. Band 33)
âą Klaus Heitmann: Camusâ âFremderâ â ein Identifikationsangebot fĂŒr junge Leser? In: Romanistische Zeitschrift fĂŒr Literaturgeschichte. 1983, S. 487â505.
âą Eberhard SchmidhĂ€user: Vom Verbrechen zur Strafe. Albert Camusâ âDer Fremdeâ. Ein Weg aus der AbsurditĂ€t menschlichen Daseins. Verlag MĂŒller, Heidelberg 1992. (Schriftenreihe der Juristischen Studiengesellschaft Karlsruhe, Heft 202)
âą Margot Fleischer: Zwei Absurde: Camusâ âCaligulaâ und âDer Fremdeâ. Eine Interpretation. Königshausen & Neumann WĂŒrzburg 1998.
âą Kathrin Glosch: âCela mâĂ©tait Ă©galâ. Zu Inszenierung und Funktion von GleichgĂŒltigkeit in der französischen Literatur des 20. Jahrhunderts. J. B. Metzler, Stuttgart 2001
âą Wolfhard Kaiser: LâĂtranger â Der Fremde. Interpretationshilfe Deutsch â Französisch. Stark Verlag 2001, ISBN 3-89449-542-1.
âą Brigitta Coenen-Mennemeier: Die Existenz und das Absurde. Sartres La nausĂ©e, 1938 und Camusâ âLâĂ©trangerâ, 1942. In: Henning KrauĂ (Hrsg.): Französische Literatur. Band: Wolfgang Asholt (Hrsg.): 20. Jahrhundert: Roman. Stauffenburg, TĂŒbingen 2007, S. 219â268. (Stauffenburg-Interpretationen)
âą Christof Rudek: Die GleichgĂŒltigen. Analysen zur Figurenkonzeption von Dostojewskij, Moravia, Camus und Queneau. Erich Schmidt, Berlin 2010. (= Wuppertaler Schriften. Allgemeine Literaturwissenschaft, 14) ISBN 978-3-503-09896-5.
⹠Klaus Bahners: Camus, Der Fremde. Interpretation. In: Königs ErlÀuterungen. 61. C. Bange, Hollfeld 2016, ISBN 978-3-8044-2018-2.
Weblinks
Einzelnachweise
cite-note-11. â Die besten BĂŒcher der Welt. In: Der Spiegel. 23. MĂ€rz 2025, abgerufen am 30. November 2025.
cite-note-22. â Christiane Chaulet-Achour: Albert Camus, Alger LâĂtranger et autres rĂ©cits. Atlantica, Biarritz 1998, S. 102. Auf S. 109 schreibt die Autorin: âLâArabe vaincu de LâĂtranger, lâArabe confondu avec le soleil, lâArabe que lâon oublie sitĂŽt le meurtre accompli devient, dans Nedjma, vainqueur, agissant et prĂ©sent.â
cite-note-33. â Erstausgabe 2013 in Algier durch Editions barzakh, Ausgabe in Frankreich 2014 durch Actes Sud, ISBN 978-2-330-03372-9.
cite-note-44. â Albert Wendt: Discovering âThe Outsiderâ. In: AdĂšle King (Hrsg.): Camusâs LâEtranger: Fifty Years On. Macmillan, Basingstoke 1992, S. 48.
cite-note-55. â Darren Schroeder: Steve Gerber: An Absurd Journey Part I, SilverBulletComicBooks.com, 7. Juni 2001.
cite-note-66. â Annie Ernaux: Ce quâils disent ou rien. Gallimard 1977, folio Nr. 2010, S. 32.
cite-note-77. â Anne-Sophie Brasme: Respire (= Le livre de poche. 15364). Fayard, Paris 2001, S. 140.
cite-note-88. â Uwe Timm: Der Freund und der Fremde, Kiepenheuer&Witsch, 2005, S. 64â67, 91â95 und 128â129.
cite-note-99. â Sam Shuster, University of Newcastle, Camusâs LâĂ©tranger and the first description of a man with Aspergerâs syndrome in Dove Medical Press, Psychology Research and Behavior Management, April 2018